Stiftung als Kompetenz-Netzwerk

Felix hat es immer gewusst. Schon als er 13 Jahre alt war und in die achte Klasse ging, verkündete er bei jeder Gelegenheit: „Ich werd’ mal Chef!“. So klare Ziele dürften selten in seinem Alter sein. Für die meisten Jugendlichen ist der Weg in den Beruf mit vielen Fragezeichen gespickt: Welche Talente habe ich? Wie stelle ich mir meinen Arbeitsalltag vor? Soll ich studieren oder doch lieber eine Ausbildung beginnen?

Orientierung ist dringend erforderlich und ein erster Wegweiser schon zu einem frühen Zeitpunkt hilfreich. Deshalb wurde in Düsseldorf ein Kompetenznetzwerk mit vielen Facetten geknüpft, dessen Anspruch in eine knappe Formulierung passt: „Kein Abschluss ohne Anschluss.“ Rund 5.000 Jungen und Mädchen besuchen zurzeit in der Landeshauptstadt die achte Klasse der weiterführenden Schulen. „Wer seinen Abschluss macht, muss einen Plan haben“, sagt IHK-Geschäftsführer Clemens Urbanek. Deshalb werden seit drei Jahren vom Kompetenzzentrum, hinter dem ein Zusammenschluss von IHK und Handwerk, Arbeitsagentur, Schulverwaltung und der Stiftung Pro Ausbildung steht, die Berufsorientierungstage organisiert. Sie ersetzen die früheren Betriebserkundungen. Gleich geblieben ist: Jugendliche können drei Tage Zukunft schnuppern und Unternehmen kennen lernen. Anders als früher allerdings nicht im Klassenverband, sondern individuell nach Neigungen. „Früher ging eine Klasse geschlossen in ein Unternehmen, für das aber vielleicht nur zwei Schüler wirkliches Interesse aufbrachten“, so Urbanek.

Kein Jugendlicher darf verloren gehen
Das komplette Angebot der Wirtschaft wurde vom Kompetenzzentrum gebündelt und wird nun auf einer Website angeboten. Clemens Urbanek: „Wir machen unseren Mitgliedern klar, dass sie Schüler in die Betriebe lassen und denen Alltag vermitteln müssen.“ Dahinter steht das große Ziel, dass kein Jugendlicher ohne Ausbildung bleiben dürfe, oder wie Urbanek formuliert: „Kein Jugendlicher darf verloren gehen.“ Deshalb ist es Ziel einer Kooperation zwischen Land und Wirtschaft, dass bis spätestens 2018 jeder Schüler und jede Schülerin an diesem Orientierungsangebot teilnimmt. Das scheint auch notwendig zu sein: Jugendlichen stehen fast 350 verschiedene Ausbildungsberufe zur Wahl – eine verwirrende Vielfalt.

Max (13) und Tim (14) gehen durch endlose Gänge und staunen Bauklötze. Sie haben sich für einen Erkundungstag im Bauhaus entschieden und rätseln nun, wie viele Artikel es hier wohl geben mag? Die Antwort kommt prompt von Marvin Gierend, Azubi im zweiten Jahr und eine Info-Börse auf zwei Beinen: „Über 150.000 Einzelteile.“ Das Bauhaus in Gerresheim, über das die beiden Schüler noch erfahren werden, dass es das größte in Europa ist, gehört zu den Unternehmen in Düsseldorf und im Kreis Mettmann, die in diesem Frühjahr ihre Türen für den potenziellen Nachwuchs öffneten und 5.350 Plätze anboten. Meistens beauftragten sie ihre Auszubildenden damit, die Orientierungstage zu organisieren. „Man redet dann eher auf Augenhöhe miteinander und nimmt den Jugendlichen ihre Scheu“, erläutert Wolfgang Rottika von der Abteilung Personalentwicklung im Bauhaus.

Für sein Unternehmen bedeutet die Teilnahme an diesen Info-Tagen wohl auch eine Investition in die  Zukunft. „Es wird immer schwieriger, gute Bewerber zu finden“, so Rottika. Zwar hatte Bauhaus in diesem Jahr in Nordrhein-Westfalen mit 2.000 Bewerbern rund 500 mehr als 2014, aber wirklich aussagekräftig sind diese Zahlen nicht: „Es bewerben sich immer mehr Jugendliche mit geringer Qualifikation.“ Es sei eben ein großes Problem, dass in Grundschulen in den ersten zwei Jahren die Kinder Lautschrift schreiben würden. „Das werden sie dann später schlecht wieder los.“ Und deshalb kommt es im Eignungstest auch immer wieder vor, dass ein Bewerber „Dip“ schreibt statt „Dieb.“ Allerdings würden Schulzeugnisse nicht überbewertet, die Persönlichkeit eines jungen Menschen sei immer noch wichtiger als seine Noten. „Unsere Azubis müssen einen Wortschatz haben und sich ausdrücken können.“

Führungskräfte aus den eigenen Reihen
Auch Tim und Max erfahren bei ihrem Rundgang, welche Voraussetzungen sie für einen Job im Bauhaus mitbringen sollten: Technisches Verständnis ist selbstverständlich, aber da lässt sich vieles antrainieren. „Das Wichtigste ist der Umgang mit den Kunden, mit sehr unterschiedlichen Kunden. Man muss in diesem Job einfach gut kommunizieren und auf Menschen zugehen können“, erläutert Marvin Gierend. Wie zur Bestätigung will da gerade ganz schnell jemand wissen, wie denn der Untergrund vorbereitet sein muss, wenn er auf seiner Terrasse Natursteine verlegen will. Einer der Jungen steht währenddessen vor einem Gabelstapler, sein Blick verrät, dass er den gern fahren würde. „Kein Problem, hier kannst du den Führerschein dafür machen.“

Wem diese Art von mobiler Aufstiegschance nicht reicht, erfährt von Marvin Gierend mehr, auch über seinen ganz persönlichen Karriereplan: „Ich möchte mich nach meiner Ausbildung zum Handelsfachwirt weiterbilden, mehr Verantwortung übernehmen.“ So wird Zukunft buchstabiert. Und vom Unternehmen unterstützt, das seine Führungskräfte von morgen möglichst aus den eigenen Reihen gewinnen will. Ob sich Max und Tim einen solchen Weg nach ihrer Schulzeit vorstellen können? „Weiß nicht“, sagt Max unschlüssig.

Aber möglicherweise wird doch von den Eindrücken dieses Tages etwas hängen bleiben. Vielleicht wird er sich später mal daran erinnern, wie Jessica Britscho (23), gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau, ihm gezeigt hat, wie sie am Computer gemeinsam mit ihren Kunden ein neu gestaltetes Badezimmer plant – bis zum virtuellen Rundgang. Ihre Freunde würden ja immer meinen, dass Jobs im Einzelhandel ziemlich einfach seien, „aber die haben keine Ahnung davon, wie kreativ meine Aufgabe ist“, meint sie. Zumal kreative Lösungen gelegentlich auch dann gefragt sind, wenn sich ein Paar über die Farben der Fliesen streitet und Jessica kenntnisreich schlichtet.

Die Arbeitswelt kennen lernen
Am Tag zuvor hatten Max und Tim auch bei ihrem Besuch der Düsseldorfer Stadtwerke erfahren, wie vielfältig die Ausbildung dort ist und dass sie sowohl Elektroniker für Betriebstechnik, Mechatroniker oder Anlagenmechaniker werden könnten. Das Unternehmen informiert nicht nur während der Orientierungstage und bietet Praktika an, es pflegt darüber hinaus auch seit Jahren eine enge Kooperation mit sechs Düsseldorfer Schulen. Da werden in den Ferien schon mal Schweißkurse angeboten oder die Betriebs-Azubis bauen gemeinsam mit Schülern Regale für deren Klassenzimmer. „Wir wollen die Jugendlichen dabei unterstützen, die Realität der Arbeitswelt kennenzulernen“, erläutert Christoph Berghahn von der Firmenkommunikation. Ganz nebenbei wird dabei auch schon mal ein Vorurteil aus dem Weg geräumt, denn die Stadtwerke werden von den meisten Jugendlichen nicht mit technischen Ausbildungsberufen in Verbindung gebracht. Viele glauben offenbar: Die liefern doch bloß Strom.

Gideon, 15-jähriger Gymnasiast, könnte sich durchaus vorstellen, eine Lehre zum Mechatroniker zu beginnen. „Ich muss nicht unbedingt studieren“, meint er und deutet an, mit Mathematik ziemliche Probleme zu haben. Umso besser kann er mit einem Lötkolben umgehen, was er soeben unter Beweis stellt. Die Jugendlichen bauen an ihrem Orientierungstag unter Anleitung des Ausbilders Florian Peters einen elektronischen Würfel, den sie bei ihrem nächsten Spieleabend verwenden können.

Florian Peters berichtet derweil, dass häufig auch Auszubildende bei den Stadtwerken arbeiten, die ein Studium in Tontechnik oder Elektrotechnik abgebrochen hätten. Manchen gefällt der Beruf dann so gut, dass sie bleiben, andere nutzen die Ausbildung als Basiswissen, um mit besseren Voraussetzungen doch noch zu studieren. Doch die Orientierungstage nutzen nicht nur den Jugendlichen, eine Entscheidung für den späteren Beruf zu treffen. Sondern auch dem Unternehmen. Auch für die Stadtwerke wird es immer schwieriger, geeignete Bewerber vor allem für die technischen Berufe zu finden. Berghahn: „Da haben wir große Probleme.“ Auch deshalb, weil noch immer so wenige Mädchen sich für Technik begeistern lassen. So beginnt wieder nur eine junge Frau im September eine Ausbildung als Elektronikerin bei dem Düsseldorfer Energielieferanten.

Der Artikel ist dem Düsseldorfer IHK-Magazin 05/2015 entnommen.