Die neue kreative Klasse

Von Christian Sander

Die neuen Anforderungen der Industrie- und Wissensgesellschaft und wie die Schulen in Düsseldorf und im Rhein-Kreis Neuss darauf reagieren

„Es ärgert mich maßlos, wenn ständig davon geredet wird, dass wir auf dem Weg sind von einer Industrie- zu einer Wissensgesellschaft“, ärgert sich Christoph Sochart, Geschäftsführer der Unternehmerschaft Düsseldorf. „Man glaubt doch, die Industrie sei eine sterbende Branche. Das Gegenteil aber ist der Fall“. Schaut man auf die Zahlen, dann stimmt das: viele tausend Menschen in Düsseldorf und Umgebung leben von der Industrie. Maßgeblich von der Metall- und Elektroindustrie (Beispiel: Sprinterwerk in Düsseldorf), von der chemischen Industrie (Beispiel: Henkel oder Schmincke-Farben), von der Papierindustrie (Beispiel: Smurfit Kappa) und von der Ernährungsindustrie (Beispiel: Plange-Mühle in Neuss). Und, dann kommen noch die vielen Zulieferer dazu und die Dienstleister, die für die industriellen Betriebe arbeiten, beispielsweise die zahlreichen Werbeagenturen. Ohne die Industrie hätten diese kaum noch Aufträge.

Es stimmt aber auch, dass alle Branchen in der Region, dazu gehört auch die Industrie, wissensorientierter werden. „Billig produzieren können wir nicht mehr“, sagt denn auch der Sprecher der Unternehmerschaft: „Das können die Chinesen und Russen besser. Wir müssen kreativer werden, wir müssen forschen und entwickeln und unsere Produkte müssen immer spezieller werden. Dafür benötigen wir hervorragend ausgebildete Fachkräfte im gewerblich-technischen Bereich und auch im akademischen Zweig.“

Damit wären wir dann auch bei unseren Schulen und auch Weiterbildungsinstituten in Düsseldorf, denn: Die Arbeitswelt wandelt sich und somit auch unser Bildungssystem. Es gibt keine „industriellen Biografien“ mehr, wie es Christoph Sochart nennt. „Die Lebensläufe unserer Kinder werden anders aussehen: angestellte Phasen werden sich mit Phasen der Selbständigkeit und vielleicht auch der Arbeitslosigkeit abwechseln. Darauf müssen wir die Jugend vorbereiten“. Biografien seien längst zu „Multigrafien“ geworden, zu „Lebensläufen der Optionen“, drückt es Cornelia Kerber vom Zukunftsinstitut aus.

Unsere Kinder werden also flexible Kreativarbeiter, ob in der Industrie, im gewerblich-technischen Bereich, ob in der Dienstleistung. In der Zeitschrift „Trend-Update“ heißt dies übersetzt: „Flexibilität statt Stabilität. Progressive Entwicklung im nie endenden Experimentierstadium statt der ewigen Suche nach dem richtigen Status Quo prägen zukünftig die Berufsbiografien junger Menschen“.

Die Schulen in Düsseldorf und dem Rhein-Kreis Neuss seien gut gerüstet, glaubt denn auch Christoph Sochart, der selbst Vorträge hält zum Wandel unserer Arbeits- und Berufswelt und einer damit verbundenen präventiven Berufsorientierung: „Jede zweite Schule in der Region trägt bereits das Berufswahlsiegel und jährlich werden es mehr. Die Lehrkräfte und Studien- und Berufswahlkoordinatoren bilden sich regelmäßig weiter, beispielsweise auf den Seminaren der Stiftung Pro Ausbildung, und die Schulleiter lassen sich coachen. Die Stiftung hat auch einen kostenfreien Test für Schulen entwickelt, die ihre Zukunftsfähigkeit thematisieren möchten (zukunftderschule.de).

Das Zauberwort hierbei ist „Open Education“. Bildung wird von neuen Kulturtechniken geöffnet. Cornelia Kerber erklärt dies so: „Open Education bedeutet Bildung von Persönlichkeiten auf eine zukünftige Welt hin, in der Informationen „geleakt“, Systeme „gehackt“ und Inhalte „remixt“ werden können.“ Schon jetzt verändert die neue Offenheit die Rollen der Medien, der Lehrer und Schüler im Bildungsprozess. Der „Flipped Classroom“ verändert den Unterricht. Der Lehrer stellt seinen Schülern seinen Vortrag als Online-Video zur Verfügung, beispielsweise auf You Tube oder im schulischen Extranet. Der Schüler schaut sich das Video an, wann immer und wo immer. Er kann auch zurückspringen, wenn er etwas nicht verstanden hat. Die praktische Anwendung des Erlernten findet dann in der Schule statt: die Hausaufgaben werden von Zuhause in die Schule verlagert. Letzteres ist heute im Ganztagsbetrieb bereits gängige Praxis. Vereinzelte Professoren „flippen“ bereits auch schon: Die Vorlesungen gibt es online – in der Uni werden dann gemeinsam die dazu gehörenden Aufgaben gemeinsam und kreativ gelöst.

„Bildung hat damit immer auch eine wirtschaftliche Dimension, weil sie der Schlüssel zu der wichtigsten Ressource der Wissens- und Kreativökonomie ist“, bestätigt Zukunftsexpertin Kerber. Doch worin genau besteht diese Ressource? Was bedeutet die Kreativität für die zukünftige Arbeitswelt? Damit beschäftigt sich in Düsseldorf die Stiftung Pro Ausbildung. Projektreferentin Lisa Bäcker weiß, dass unsere Kinder zukünftig nach Bedarf und nicht auf Vorrat lernen werden. Wer sich Wissen außerhalb der Schule zulegen will, der schaut sich ein Video-Tutorial an. Dies kann Cornelia Kerber ergänzen: „Man investiert zukünftig keine Zeit mehr in den Erwerb von Wissen, dass man nicht braucht. Wissenserwerb ist situativ und auf das konkrete Problem gerichtet“. Dieses situative Wissensmanagement sei eine so grundlegende Kulturtechnik, dass es vom privaten Bereich längst auf den Beruf übergreift, so Kerber: „Dieses Prinzip wird die Art, wie wir unser Wissen aneignen, radikal verändern“.

Informationen: stiftung-proausbildung.de, trend-update.de